Pferdeklinik Tappendorf

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Dr. med. vet. Jörg-Peter Belz
Fachtierarzt für Pferde,
Zuchthygiene und Besamung
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Chronischer Husten


- schlimm oder nicht?

Im Stall hört man des öfteren Pferde bei der Heufütterung husten. Fragt man nach, wird oft der Satz: "Das Pferd hat chronischen Husten, ist aber nicht so schlimm," ausgesprochen. Ist es wirklich nicht so schlimm? Was ist eigentlich chronischer Husten?

 

Definition

In der Regel handelt es sich um eine Erkrankung, die rezidivierende Atemwegsobstruktion (abgekürzt RAO) genannt wird. Früher wurde sie als chronisch obstruktive Bronchitis (COB) oder Dämpfigkeit bezeichnet. Hierbei handelt es sich um eine Atemwegserkrankung mit allergischer Grundlage, die mit dem Asthma des Menschen vergleichbar ist. Die Patienten haben also Erkrankungsschübe, die von symptomfreien Intervallen unterbrochen werden.

 

Diagnosefindung

RAO-Patienten zeigen Symptome unterschiedlichen Schweregrades: Husten in Ruhe und/oder während der Belastung, beidseitiger, grauer, z.T. zäher Nasenausfluss, verminderte Leistungsbereitschaft, sowie eine angestrengte Atmung mit Beteiligung der Bauchmuskulatur, bis hin zu starker Atemnot mit Blähen der Nüstern.

Die klinische Untersuchung durch den Tierarzt (Abhören von Luftröhre und Lunge) lassen eine Verdachtsdiagnose zu. Mit Hilfe einer Bronchioskopie (endoskopische Untersuchung der Atemwege) inklusive Sekretprobenentnahme kann die Verdachtsdiagnose bestätigt werden.

 

Ursachen und Folgen

Bei der RAO handelt es sich um eine chronische Erkrankung des Atmungstraktes mit allergischer Grundlage. Als Allergene fungieren in den meisten Fällen Pilzsporen, welche im Staub des Heus oder Strohs enthalten sind. Seltener können im Sommer auch Pollen unterschiedlicher Pflanzen Auslöser der Allergie sein. Ungünstige Haltungsbedingungen mit hoher Ammoniakbelastung, wenig Frischluft und Lagerung von Heu oder Stroh über den Pferdeboxen verschlimmern die klinischen Symptome oder lösen einen Erkrankungsschub aus.

 

Was passiert genau?

Im Zuge der RAO bilden die Zellen der Luftwege vermehrt Schleim, dieser ist zäher als üblich. Zugleich sinkt die Anzahl der Flimmerhärchen auf den Zellen, welche den Schleim aus den Atemwegen heraus transportieren. Durch diese Umstände ist die Selbstreinigung der Lunge gestört, inhalierte Staubpartikel und Erreger verbleiben in Luftröhre und Bronchien. Bedingt durch die Allergie kommt es weiterhin zu einer Verkrampfung der Bronchien, der Durchmesser verringert sich somit. Die verkrampften Bronchien werden durch eine entzündliche Schwellung der Schleimhaut noch weiter verengt, ihr Wandstärke wird dicker. Mit weiterem Fortschreiten kommt es durch die Kombination von Schleimansammlungen in den Lungenbläschen, verengten Bronchien und verdickten Bronchienwänden einerseits zu einer Beeinträchtigung des Sauerstofftransportes von den Lungenbläschen in das Blut, andererseits kann es zum Zerreißen randständiger Lungenbläschen (Lungenemphysem) und somit zu dauerhaften Lungenschäden kommen.

 

Therapeutische Maßnahmen

An erster Stelle muss verständlicherweise die Minimierung der Allergenexposition stehen. Nur so ist eine langfristige Verbesserung der Symptome zu erzielen.

Die meisten RAO-Patienten reagieren allergisch auf Pilzsporen, welche in Heu und Stroh (selbst bei bester Qualität) enthalten sind. Die Haltung mit viel Frischluft ist zwingend notwendig, ideal ist Offenstallhaltung oder Paddockbox, mindestens sollte eine Fensterbox zur Verfügung stehen. Als Einstreu muss staubfreie Späneeinstreu oder die Verlegung von Boxenmatten dienen.

Heu sollte nass verfüttert werden, wobei das Einweichen über mindestens 30 Minuten erforderlich ist. Auch die Nachbarboxen sollten nicht mit Stroh eingestreut werden, ausserdem sollte neben einem RAO-Patienten kein Heu aufgeschüttelt werden oder Heu bzw. Stroh gelagert werden. Die Ammoniakbelastung in der Umgebung des Patienten muss niedrig gehalten werden. RAO-Patienten sollten möglichst jeden Tag leicht bis mäßig bewegt werden, um eine gute Belüftung aller Lungenareale und eine ausreichende Schleimlösung zu erzielen. Keinesfalls darf das Pferd überlastet werden, eine "pumpende" Atmung ist zu vermeiden. Der Boden von Reithalle oder Viereck sollte nicht staubig sein. Koppelauslauf ist erlaubt und erwünscht, sofern keine Allergie gegen Pflanzenpollen besteht.

Liegt ein Erkrankungsschub vor, sollte das Pferd von einem Tierarzt behandelt werden, um irreparable Lungenschäden zu verhindern. Durch diese Medikamente können die klinischen Symptome der RAO behandelt werden, so dass sich die schlechte Sauerstoffversorgung der Organe verbessert, eine Ausheilung der Grunderkrankung ist aber leider nicht möglich. Die medikamentöse Therapie besteht in der Gabe von bronchienerweiternden Medikamenten, Medikamenten zur Schleimverflüssigung, sowie zur Reduktion des Bronchienkrampfes und der Entzündung. Auch eine Inhalation unterschiedlicher Substanzen mittels Ultraschallvernebelung kann durchgeführt werden. Ist die RAO schon weiter fortgeschritten, kann eine Hyperinfusionstherapie ("Lungenspülung") notwendig werden. Dabei werden dem Patienten große Mengen Flüssigkeit per Infusion zugeführt. Diese dienen der Verflüssigung des Schleims in der Lunge, im Anschluss an die Infusion wird das Pferd longiert, so dass der Schleim abgehustet werden kann.

 

Schlussfolgerung

RAO ist nicht heilbar, mit Hilfe geeigneter Haltungsbedingungen und Behandlung der Erkrankungsschübe kann jedoch eine Reduktion der Symptome bis hin zur dauerhaften Symptomfreiheit erzielt werden. RAO muss also "nicht schlimm" sein,  kann aber bei Missachtung bestimmter Haltungsgebote dem Pferd eine dauerhafte Lungenschädigung zufügen.

 

 

© by  Dr. Claudia Stroth, Pferdeklinik Dr. Belz, Tappendorf